grober Behandlungsfehler

Nach einem Urteil des Oberlandesgericht Koblenz vom 20.6.2012 (Aktenzeichen: 5 U 1450/11) kann ein grober Behandlungsfehler vorliegen, wenn der Arzt seinen Fortbildungspflichten nicht in ausreichendem Maß nachkommt: Dazu gehört das regelmäßige Lesen anerkannter und einschlägiger Fachliteratur und eine Umsetzung der wissenschaftlichen Erkenntnisse in die Praxis.

Ein Krankenhaus ist zu Schmerzensgeld verurteilt worden, da der Anästhesist die Verabreichung eines neuen Wirkstoffs unterlassen hatte. Ihm war vor der Operation einer Patientin deren Überempfindlichkeit gegen Narkosemittel bekannt. Nach dem Eingriff litt die Patientin unter starker Übelkeit und Erbrechen. Monate vorher war allerdings in einer anerkannten Fachzeitschrift über einen Wirkstoff berichtet worden, der solche Beschwerden in der Anästhesie lindern könne. Der Zeitraum zwischen Publikation und Operation genüge nach Auffassung des Gerichts, um das Versäumnis der Wirkstoffzugabe als groben Behandlungsfehler zu werten.

Fazit: Aus der Sorgfaltspflicht resultiert die Pflicht zur Fortbildung, die eine Lektüre der Fachliteratur und eine indizierte Anwendung neuer wissenschaftlicher Erkenntnisse unerlässlich macht. Verletzt der Arzt diese Pflichten, muss er nachweisen, dass Beschwerden oder Risiken nicht vermeidbar waren.

In Arzthaftungssachen ist für die Durchsetzung der Ansprüche häufig entscheidend, wer was zu beweisen hat. Grundsätzlich hat der Patient die Beweislast für den Fehler und dass der Fehler zu den eingetretenen Folgen geführt hat. Liegt jedoch ein grober Behandlungsfehler vor, muss der Behandelnde beweisen, dass die eingetretenen Folgen ihre Ursache nicht im Behandlungsfehler haben. Eine Missachtung der gesicherten medizinischen Erkenntnisse lassen in aller Regel den Behandlungsfehler als einen groben Behandlungsfehler erscheinen. Der Bundesgerichtshof hat mit Urteil vom 20.09.2011 bestätigt, dass gesicherte medizinischer Erkenntnisse „nicht nur die Erkenntnisse sind, die Eingang in Leitlinien, Richtlinien oder anderweitige ausdrückliche Handlungsanweisungen gefunden haben. Hierzu zählen vielmehr auch die elementaren medizinischen Grundregeln, die im jeweiligen Fachgebiet vorausgesetzt werden.“

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